Am 23. und 24. März 2026 veranstaltete NFDI4Chem in Aachen das dritte Editors4Chem-Treffen, bei dem Vertreter von Forschungseinrichtungen, Verlagen und Dateninfrastrukturinitiativen zusammenkamen, um zu erörtern, wie Forschungsdaten zu einem integralen Bestandteil des chemischen Publizierens werden können. Zu den Teilnehmenden gehörten die IUPAC, CODATA, die Physical Sciences Data Infrastructure (PSDI), die Royal Society of Chemistry, das Cambridge Crystallographic Data Centre (CCDC), das Beilstein-Institut, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie die Wissenschaftsverlage Thieme, Wiley-VCH und Springer Nature.
Der Workshop verfolgte zwei miteinander verknüpfte Ziele: Erstens sollte der aktuelle Stand des chemischen Publizierens bewertet werden; zweitens sollten durchsetzbare, FAIR-konforme Verpflichtungen zur Datenhinterlegung – einschließlich eines Zeitplans und klarer Schritte – entworfen werden, die die Veröffentlichung von Daten zusammen mit jedem eingereichten Artikel vorschreiben. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in einem gemeinsamen Memorandum festgehalten, das als Referenz für offene und verantwortungsvolle Datenpraktiken in der Chemie dienen soll.
Frühere Editors4Chem-Workshops
Das dritte Treffen baute auf den Erfahrungen der vorangegangenen Veranstaltungen auf. Der erste Workshop im Jahr 2021 stellte das Konzept des datenzentrierten Publizierens vor und hob die potenziellen Vorteile von Open Data hervor (Zusammenfassung: https://nfdi4chem.de/1st-editors4chem-workshop). Der zweite Workshop (2023) ging von der Theorie zur Praxis über und präsentierte Pilotprojekte zu strukturierten Datenformaten und frühen Validierungstools für Gutachter (Zusammenfassung: https://nfdi4chem.de/2nd-editors4chem-workshop). Beide Veranstaltungen zeigten, dass die erforderliche technische Infrastruktur – Datenrepositorien, Metadatenstandards und Interoperabilitätsrahmen – bereits vorhanden ist, dass jedoch noch ein umfassenderer kultureller Wandel erforderlich ist.
Tag 1 – Aktuelle Situation und kulturelle Herausforderungen
Die Diskussionen am ersten Tag bestätigten, dass die technischen Grundlagen für FAIR-konforme Datenveröffentlichungen weitgehend etabliert sind. Allgemeine Repositorien (z. B. Zenodo, figshare) sowie fachspezifische Plattformen (z. B. Chemotion, RADAR4Chem) unterstützen bereits die Speicherung und Verbreitung von Datensätzen mit persistenten Identifikatoren. Standardisierte Metadaten Schemata sind ebenfalls verfügbar.
Dennoch wiesen die Teilnehmer auf eine erhebliche kulturelle Barriere hin. Viele Forschende betrachten die Datenhinterlegung eher als zusätzlichen Verwaltungsaufwand denn als langfristige Investition. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellte ihre Leitlinien zur „Guten Forschungspraxis“ vor, die die Hinterlegung von Projektergebnissen als FAIR-Daten vorsehen. Darüber hinaus wurden die Vorteile von FAIRen Daten für Forschernde erörtert, darunter eine größere Sichtbarkeit, ein verbessertes Zitierpotenzial und eine einfachere Reproduzierbarkeit. Dennoch ist die Akzeptanz in der Forschungsgemeinschaft nach wie vor uneinheitlich.
Als Reaktion darauf begannen die Teilnehmenden mit der Ausarbeitung eines gemeinsamen Memorandums, das gemeinsame Grundsätze für offene, verantwortungsvolle Daten in der Chemie festlegt. Der Entwurf ist bewusst offen gehalten; weitere Verlage und interessierte Parteien sind ausdrücklich eingeladen sich an der Diskussion zu beteiligen und zu ihrer endgültigen Form beizutragen.

Tag 2 – Technische Umsetzung innerhalb des Publikations-Workflows
Am zweiten Tag standen konkrete Tools im Mittelpunkt, die in den Prozess von der Einreichung über die Begutachtung bis zur Veröffentlichung integriert werden können. Die Teilnehmenden stellten automatisierte Validierungsprozesse vor, die prüfen, ob eingereichte Datensätze die FAIR-Kriterien erfüllen, wobei Dateiformate, die Vollständigkeit der Metadaten und die Interoperabilität mit bestehenden Standards untersucht werden. Es wurden neue Einreichungsportale vorgestellt, die es AutorenInnen ermöglichen, Rohdaten direkt aus Laborinformations- und -managementsystemen (LIMS) oder Simulationssoftware hochzuladen und dabei die erforderlichen Metadaten automatisch zu erfassen. Für Gutachter wurden Prototypen von Analyse- und Visualisierungstools präsentiert, die eine schnelle Beurteilung der Datenqualität und Reproduzierbarkeit ermöglichen.
Die Ergebnisse dieser technischen Session werden in das Memorandum einfließen und konkrete, umsetzbare Empfehlungen für Verlage und Forschungseinrichtungen liefern.
Ausblick
Die chemische Forschungsgemeinschaft verfügt bereits über die technischen Mittel, um Daten FAIR-konform zu veröffentlichen. Die verbleibende Herausforderung besteht darin, eine breite kulturelle Akzeptanz zu fördern und die entwickelten Werkzeuge in die alltägliche Publikationspraxis zu integrieren.
Die gemeinsame Absichtserklärung zur FAIR-konformen Datenveröffentlichung in der Chemie, die in den kommenden Monaten veröffentlicht wird, soll Verlagen, Forschungseinrichtungen und Förderorganisationen als Leitfaden dienen. Alle interessierten Verlage und Anbietenden von Dateninfrastrukturen sind herzlich eingeladen, sich der Initiative anzuschließen und die entstehenden Standards mitzugestalten.
Durch gemeinsame Zusammenarbeit kann die chemische Fachwelt ein weltweites Vorbild für transparentes, interoperables und reproduzierbares wissenschaftliches Publizieren setzen.